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    Predefinito Ein Kommunist macht deutsche Werte salonfähig

    Es musste so komnmen: erst mit dem neuesten Buch vom bekennenden Kommunisten Günther Grass fängt Deutschland an, anzuerkennen, dass die Deutschen nicht immer Täter, sondern auch Opfer gewesen sind. Ein Beitrag zur Normalisierung?

    Der beste Grass seit Jahren

    Die Novelle "Im Krebsgang": Eine notwendige Erinnerung an das Schicksal der Vertriebenen

    Von Rolf Schneider

    Zu den Zeichnungen, mit denen der begabte Grafiker Günter Grass die literarischen Erfindungen des noch begabteren Schriftstellers Günter Grass zu illustrieren pflegt, gehörten bisher neben totem Holz und Vogelscheuchen allerlei Tiere wie Krähen, Ratten, Unken, Schnecken und der Plattfisch Butt. Nunmehr kam als weiteres Tier hinzu der in Rötel gefaßte carcinus maenas, die Strandkrabbe aus der Gattung der Crustacaen oder Krebstiere.


    Die Gangart jener Tiere ist umständlich. Als Metapher bezeichnet Krebsgang eine langsame Rückwärtsbewegung. Zudem klingt heimlich die Krebs genannte Geschwulsterkrankung mit.


    Deren Anamnese ist oft so langwierig wie ihr Verlauf letal. Unbeachtetes, Unterdrücktes spielt seine Rolle. Bekannter ist dieser Vorgang im psychischen Bereich, wo er häufig zu nervösen Störungen führt. Verdrängung ist ein nicht bloß individuelles Phänomen; die Unruhen des Jahres 1968 in Deutschland (West) bewiesen, wie sich geschichtliche Verdrängung in gesellschaftlicher Eruption äußern kann.


    Die damals einsetzende Abrechnung mit der braunen Vergangenheit brachte mit sich, dass vieles, was im Zusammenhang des Zweiten Weltkriegs geschehen war und sich dem Grobraster von deutscher Schuldhaftigkeit entzog, weitgehend bagatellisiert wurde. Der Exodus von 12,5 Millionen Zivilisten aus den damals deutschen Ostgebieten - Böhmen, Schlesien, Ostpreußen oder Pommern - gehörte dazu. Abweichende Haltungen versammelten sich unterm Dach der Vertriebenenverbände, die mehr und mehr in die Rolle von Revanchistenclubs abgedrängt wurden. Bis sie es wirklich waren.


    Gelegentlich eines Vortrages in Litauen vor mehr als einem Jahr sagte Günter Grass, die "Erinnerung an die vielen Toten der Bombennächte und Massenflucht" sei von der deutschen Nachkriegsliteratur weitgehend verdrängt worden. Völlig korrekt ist das nicht, wie auch die Debatte um ähnlich geartete Äußerungen des kürzlich verstorbenen Schriftstellers W. G. Sebald bewies; zumal das Thema Vertreibung kommt in der deutschen Nachkriegsbelletristik reichlich vor, bei Siegfried Lenz, Horst Bienek, Arno Surminski und Leonie Ossowski zum Beispiel, die Erinnerungsbücher von Krockow und Dönhoff nicht gerechnet. Auch Günter Grass selbst wäre zu nennen, mit seiner "Blechtrommel", entfernt auch mit den "Hundejahren".


    Eine wesentliche Figur dieses zweiten Buches (wie zuvor schon der Novelle "Katz und Maus") ist Ursula - genannt Tulla - Pokriefke. Sie wie ihre Freunde Jenny Brunies, Joachim Mahlke und Harry Liebenau nebst titelspendendem Schäferhund Harras treten in Grass' jüngstem Buch abermals auf, Jenny, Harras, Harry und Joachim bloß flüchtig, Tulla um so nachdrücklicher. Die dämonische Göre aus Danzig-Langfuhr mit dem Knochenleimgeruch wird ein hochschwangerer Passagier auf dem Flüchtlingsdampfer "Wilhelm Gustloff".
    Dieses Schiff, 1937 in den Dienst der nationalsozialistischen Ferienorganisation "Kraft durch Freude" gestellt und nach Kriegsausbruch zum schwimmenden Lazarett umgewidmet, stach am 30. Januar 1945 von Gdingen aus in See - das damals noch Gotenhafen hieß und heute Gdynia heißt. An Bord befanden sich knapp tausend Militärangehörige und rund 9000 Zivilisten, letztere Flüchtlinge aus dem von der Roten Armee bedrängten Ostpreußen. In der folgenden Nacht wurde die "Gustloff" von drei Torpedos eines sowjetischen Unterseebootes getroffen. Sie begann zu sinken. Etwa 1200 Menschen konnten sich retten, die anderen kamen um: Treibgut in der eiskalten Ostsee, eingeschlossen in dem untergehenden Schiff. Das Ende der "Wilhelm Gustloff" zählt unter die großen Katastrophen der Schiffahrtgeschichte. Manche halten sie für die größte überhaupt.
    Grass läßt seine Tulla das Unglück überleben. Ihre Niederkunft erfolgt noch in der gleichen Nacht, auf dem Torpedoboot "Löwe", das sie zuvor aus dem Wasser gefischt hat. Weiter westlich geht sie an Land und gerät schließlich in die mecklenburgische Residenzstadt Schwerin (aus der einst der Nazifunktionär Gustloff kam), wo sie nun Wohnung und Arbeit findet.


    In der volkseigenen Möbelindustrie bringt sie es bis zum sozialistischen Bestarbeiter. Sie zieht ihr Kind groß, einen Sohn namens Paul; noch vor dem Mauerbau flüchtet der nach Westberlin, wo er eine glanzlose Karriere als Journalist beginnt. Er ist der Ich-Erzähler des Buches, ein glückloser Opportunist und seinerseits Vater eines Sohnes, der bald ins rechtsradikale Lager abdriftet, unter anderem deshalb, weil seine Großmutter ihn auf das tragische Schicksal der "Wilhelm Gustloff" fixiert.


    Grass nennt sein Prosastück "Novelle". Es ist dies seine zweite nach "Katz und Maus" und entspricht noch mehr als diese der bekannten Goethe-Definition von der sich ereigneten unerhörten Begebenheit. Der von vielen als weitschweifig empfundene Gestus anderer Grass-Bücher mit ihren Manierismen, Redundanzen und gelegentlich verstiegenen Mystagogien fehlt hier völlig. "Im Krebsgang" ist ein knapp gefasster, bedacht komponierter und höchst spannend zu lesender Text.


    Seine dokumentarische Genauigkeit ist beeindruckend. Die Biographien des Namensgebers Gustloff, eines Altnazis, und des jüdischen Attentäters Frankfurter, der Gustloff erschoß, werden ebenso erzählt wie die des sowjetischen U-Boot-Kommandanten Marinesko. Daß die Verdrängung historischer Traumata nicht bloß im Falle 1968 zu unberechenbaren Konsequenzen führte, wird vornehmlich am Schicksal des jüngsten Pokriefke mit Vornamen Konrad dargetan.


    Die Wahl des Ich-Erzählers erweist sich als Glücksgriff. Die mürrische Ratlosigkeit des Journalisten Paul Pokriefke angesichts der zu schildernden Vorgänge schließt jedes billige Moralisieren aus. Die finsteren Geschehnisse wirken fast lapidar, ihre grausige Komik wird nicht unterschlagen, politisch korrekt ist hier gar nichts. Die Geschichtensammlung "Mein Jahrhundert", mit der Grass das letzte Säkulum abschritt, hat ihm sehr genutzt, als Training in Genauigkeit ebenso wie in Rollenprosa. Beides kommt der Novelle zugute.
    Tulla Pokriefke, vormals verruchtes Luder mit erotischer Neigung zu strammen Jungnazis, wird nach dem Kriege SED-Mitglied und Stalin-Anhängerin, im wiedervereinigten Deutschland wählt sie die PDS, geht dann auf sentimentale Rentnertour in die alte Heimat und findet am Ende zum Katholizismus zurück. Ein verschlungener Weg, den Grass nicht denunziert, sondern vorzeigt als das, was er ist: ein deutsches Schicksal in sehr unruhiger Zeit.


    Es ist so deutsch und so signifikant wie der manische Philosemitismus des badischen Bürgersprosses Wolfgang Stremplin, der sich mit dem Gustloff-Attentäter David Frankfurter identifiziert, um am Ende - die beiden haben sich zeitgemäß über das Internet kennen gelernt - vom Sohn des Ich-Erzählers erschossen zu werden.
    Dieser Teil der Geschichte schmeckt ein wenig nach Kolportage, doch der Text verträgt und trägt auch dies. Das unverdrossene Fortwuchern des rechtsradikalen Denkens, für das die Figur des Konrad Pokriefke steht, verstört selbst den abgebrühten Vater, dessen allerletzte Worte dann lauten: "Das hört nicht auf. Nie hört das auf. "Es war gut, daß einer wie der des ostpolitischen Revanchismus gänzlich unverdächtige Günter Grass sich des Gegenstandes annahm; es war nicht zuletzt gut für Günter Grass. Gelegentlich hat er angemerkt, er sei eigentlich "ausgeschrieben". Mit "Im Krebsgang" verfaßte er sein seit langem bestes Buch.
    Das neue Buch


    Heute erscheint im Göttinger Steidl Verlag die Novelle „Im Krebsgang“. Es handelt sich um die 66. Veröffentlichung des Literaturnobelpreisträgers von 1999 (216 S., 18 Euro). Als Erstauflage werden 50 000 Exemplare auf den Markt gebracht. Der Erscheinungstermin der Novelle wurde vorgezogen; im Verlag sagt man, der Grund dafür sei einfach, „dass das Buch jetzt fertig war“. Insider wollen aber wissen, der wahre Grund sei Marcel Reich-Ranicki: In der Pilotausgabe seiner neuen Sendung „Solo“, die gleichfalls heute ausgestrahlt wird, werde er sich mit „Im Krebsgang“ beschäftigen.



    Deutsche als Opfer von Krieg und Gewalt

    Das leidvolle Schicksal der Heimatvertriebenen rückt wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein

    Von Ansgar Graw


    Sofern das Gewissen der Menschheit jemals wieder empfindlich werden sollte, werden diese Vertreibungen als die unsterbliche Schande aller derer im Gedächtnis bleiben, die sie veranlaßt oder sich damit abgefunden haben", schrieb Victor Gollancz 1946 angesichts der Vertreibung von 15 Millionen Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße und aus Ostmitteleuropa.


    Vielleicht hat sich der britische Verleger und Menschenrechtler geirrt. Vielleicht ist das Gewissen der Menschheit aber auch unempfindlich geblieben angesichts dessen, was wenig später offenbar wurde: Die Barbarei von Auschwitz und der Holocaust. Oder in den nachfolgenden Jahrzehnten an Grausamkeiten, jede für sich unvorstellbar, der Menschheit zugemutet wurde: Exzesse im Indochinakrieg, Pol Pot, Sebrenica, der 11. September.


    Jedenfalls schien die Vertreibung der Ostdeutschen, bei der mehr als zwei Millionen Menschen den Tod fanden, lange Zeit nur noch im Kreis der Betroffenen ein Thema zu sein. Bundesinnenminister Otto Schily war es, der im Mai 1999 bei einem Auftritt vor dem Bund der Vertriebenen (BdV) erstmals die politische Linke dieses Landes kritisierte, weil sie "zeitweise über die Vertreibungsverbrechen hinweggesehen" habe.
    Debatten über Vertreibungs- und Kriegsverbrechen an den Deutschen standen, spätestens seit Beginn der neuen Ostpolitik, im Ruch des Revanchismus, des Relativierens, der Aufrechnung. Die Apokalypse in der Endphase des Zweiten Weltkrieges wurde zur terra incognita im Wissen der jungen Generationen. Das "Ostpreußische Tagebuch" des Hans Graf von Lehndorff beispielsweise, in dem der Königsberger Arzt die Schrecken nach dem Einmarsch der Roten Armee, den Tod, die Barbarei, Fälle von Kannibalismus schildert, wurde in vielen Auflagen gedruckt, spielt aber dennoch keine Rolle im öffentlichen Bewußtsein. Das Massaker im ostpreußischen Nemmersdorf im Kreis Gumbinnen, bei dem sowjetische Soldaten im Oktober 1944 die gesamte Zivilbevölkerung ermordeten, die Frauen zuvor vergewaltigten und Menschen an Scheunentore nagelten, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Begründung: Joseph Goebbels habe dieses Verbrechen für seine Propaganda und zur Mobilisierung im "Endkampf" benutzt.


    Das stimmt zweifellos - und nimmt dem Morden doch nichts von seinem Schrecken. Der alliierte Luftangriff auf das mit Flüchtlingen überfüllte Dresden im Februar 1945, bei dem mindestens 25 000 Menschen starben, wurde in der Öffentlichkeit nicht verschwiegen, aber dermaßen an den Rand gedrängt, daß sich irgendwann vor allem die Rechtsextremisten des Themas annahmen. So erwachsen aus der Geschichte, die in einer volkspädagogisch erwünschten Rollenzuweisung vermittelt wird, in der die Deutschen als Leidende nicht vorgesehen sind, neue Schatten.


    Die Deutschen tun sich schwer mit dem vergangenen Jahrhundert, und es wirkt über das Millennium hinaus nach. Das ist angesichts der historischen Katastrophe, die mit dem Namen Hitler verbunden ist, nicht verwunderlich. Darum mußten Wissenschaftler aus dem Ausland - vor allem der Amerikaner Alfred M. de Zayas, der Standardwerke zur Vertreibung der Deutschen (und soeben das Buch "Heimatrecht ist Menschenrecht", Universitas-Verlag, München) verfaßte - das unausgesprochene Schweigegelübde über die Tragödie der Ostdeutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs durchbrechen.



    Vertrieben. Verdrängt. Vergessen?

    Die Vertreibung war eines der größten Tabus der Nachkriegsgeschichte, streng bewacht von Linken wie Günter Grass. Nun bringt ausgerechnet er das Thema mit einer Novelle zurück ins kollektive Bewußtsein. Wird Deutschland normal?

    Von Wolfgang Büscher


    Warum jetzt? Alles ist doch geregelt, die deutschen Dinge sind im Lot. Unsere Ostgrenze steht, und keiner, wirklich keiner wackelt an ihr. Und die deutsche Einheit steht, trotz mancher Wackeleien, auch. Warum jetzt noch einmal von der Vertreibung anfangen? Ausgerechnet in einer Zeit, in der darüber nachgedacht und teils darangegangen wird, den Kultureinrichtungen der Vertriebenen die staatlichen Zuschüsse zu streichen, treibt ausgerechnet ein Günter Grass das deutsche Unthema auf die Spitze und schreibt ein Buch über den furchtbaren Untergang der "Wilhelm Gustloff" in der eisigen Ostsee. Und der "Spiegel" macht in seiner neuen Ausgabe großes Kino daraus: "Die deutsche Titanic".


    Der Stoff ist wahrhaftig dramatisch genug. Am 30. Januar 1945 versenkt ein sowjetisches U-Boot jenes Flüchtlingsschiff auf seinem Weg von Ostpreußen nach Westen. Mindestens 5000 Menschen kommen elend um, die meisten sind Frauen und Kinder. Es ist eine von vielen Tragödien der letzten Kriegswochen, in denen deutsche Zivilisten zu Tode gebracht werden, im großen Stil und ohne militärische Not - von allen, nicht nur von der Roten Armee. Der Luftkrieg bombt Deutschland in einen Zustand irgendwo zwischen dem Westfälischen Frieden und dem Schwarzen Freitag zurück.


    Nun aber geschieht etwas Seltsames: Die Nation klopft sich den Staub aus den morschen Kleidern und geht an den Aufbau. Ihre Intellektuellen aber, ihre Dichter wenden sich von ihr ab und halten ein strenges Kriegsgericht. Das Urteil lautet: Im Namen der Schuld, die das deutsche Volk unter Hitler auf sich geladen hat, soll von seinen Opfern künftig geschwiegen werden. Von den ungeheuren Verlusten. Kein Gedicht nach Auschwitz, lautet ein berühmt gewordener Satz jener frühen Jahre - heute schüttelt man darüber den Kopf. Keine Erinnerung an das eigene Leid - dieser meist unausgesprochene Leitsatz hat wesentlich länger Bestand. Eigentlich bis jetzt.
    Das Gespräch findet Mitte der neunziger Jahre statt. Sein Ort ist die Führungsetage eines bedeutenden deutschen Medienhauses. Es geht um den deutschen Film - warum ist er so schwach auf der Brust? Warum erzählen uns die Amerikaner die großen Geschichten, und wir sitzen staunend im Kino? Haben wir denn keine? Sind wir wirklich so gedächtnisschwach, so emotional verzwergt? Das ungefähr fragt der Gast den Medienunternehmer. Der winkt ab. Mit Kinostoffen aus der jüngeren deutschen Geschichte sei kein Hund hinter dem Ofen hervorzulocken. Er ziehe es vor, seine Filme auswärts einzukaufen. Der Gast beharrt. Wo ist der Film über Canaris, fragt er, wo der Film über den Untergang Breslaus, den ostpreußischen Exodus - alles hoch dramatische, berührende Stoffe. Warum gibt es keine deutsche "Ilias", kein deutsches "Vom Winde verweht"? Wohin geht die Trauer um die Verluste, in welchen Katakomben des Bewußtseins verkriechen sich die Sehnsüchte? Hat nicht die amerikanische Nation ihr Vietnamtrauma zu einem guten Teil im Kino verwunden? Der Führungsmann sieht seinen Gast einigermaßen verständnislos an: Nein, nein, das ist doch Fünfziger-Jahre-Zeug. Das interessiert heute niemanden mehr.


    Die Beschäftigung mit dem Thema Vertreibung hatte in der Bundesrepublik ungefähr den Status von Untergrundliteratur. Namen wie Danzig oder Königsberg in den Mund zu nehmen geriet zum Bekenntnis. Sie schmeckten irgendwie friedensgefährdend. In der DDR, die doch selbst voller Vertriebener steckte, war es regelrecht kriminell. Es ist ja nicht wahr, daß es ein Interesse an den verbotenen oder verpönten Dingen nicht gab, in zigtausenden Familien stammte Vater oder Mutter von dort, wohin man mit dem Daumen über die Schulter wies - von drüben. Es war nur unfein, darüber zu schreiben. Das lag zum Teil an den Autoren der frühen Jahre. Es gab nach dem Krieg eine Art von Leutnantsliteratur, die wirkte, als erzähle sie so beredt vom Untergang Breslaus, um von Auschwitz zu schweigen. Aber diese Bücher sind lange vergessen. Wer kennt schon noch einen Autor namens Hugo Hartung und seinen 1951er-Breslau-Roman "Der Himmel war unten"?
    Die Brandtsche Ostpolitik wäre der Moment gewesen, in dem das Thema der Vertreibung noch einmal hätte aufbrechen können, in dem es der Nation hätte gelingen können, ihrem ungeteilten Gedächtnis eine Heimat zu geben - ebenso wie den Realitäten. Aber was damals, in den frühen Siebzigern, wirklich geschah, war wieder seltsam. Es ist eine Sache, der politischen Vernunft zu folgen und die Grenzen anzuerkennen, wie sie unveränderbar - es sei denn durch neuen Krieg - sind. Eine andere Sache ist es, diesen Akt der Einsicht mit einem nationalen Exorzismus zu orchestrieren. Sich obendrein selbst aus dem Herzen zu reißen, was an die Verluste erinnert.


    Ganze deutsche Landschaften sind verschwunden. Geographische. Gebaute. Geistige. Ganze Dialekte und Küchen und Bibliotheken. So gesehen ist Grass ein Heimatschriftsteller. In seiner Danziger Trilogie beschwört er all die verbotenen Namen, Gerüche, Ostgebiete herauf, die er seinen Feinden nicht durchgehen ließe. Was dem Gott erlaubt war, durfte der Ochs noch lange nicht. Das Tabu stand fest wie eine deutsche Eiche. Es so lange und so massiv behauptet zu haben war einer der bittersten Siege der deutschen Linken, und es war auch ein Sieg über sich selbst, wie der Fall des linken Heimatberserkers Grass beweist. Und nun auch noch die Vertreibung.
    Fehlt den Deutschen etwas, wenn ihnen die ostpreußische, die schlesische Dimension fehlt? Ist das alles nur aussterbende Folklore letzter kommunaler Trachtengruppen? Nicht ganz. Es gibt sogar eine Konjunktur des verlorenen Ostens. Die Resonanz von Fernsehserien über Krieg und Vertreibung im ZDF, der Erfolg der ostpreußischen Reportagen von Klaus Bednarz und nun der neue Grass.


    Wer heute jenseits von Oder und Neiße reist, macht die eigenartige Erfahrung: Alles ist noch da. Vielleicht nicht alles, aber vieles. Landschaften, Städte, ja sogar Menschen, Stimmungen, Eigentümlichkeiten. Absurd, aber wahr: Die heutigen russischen oder polnischen Bewohner Ostpreußens oder Schlesiens interessieren sich manchmal stärker für den deutschen Boden, auf dem sie stehen, als die ostabgewandten Deutschen. Alte Handelsrouten stellen sich wieder her, alte Beziehungen und Magnetfelder. Tausende junger Polen, Russen, Weißrussen sprechen heute ausgezeichnet deutsch und möchten in oder mit Deutschland arbeiten. Zu sagen, sie liebten Deutschland, wäre nicht völlig übertrieben - es ist ihnen näher als Amerika, nicht nur räumlich. Unsere Traditionen sind zäher und liegen näher als mancher Deutsche glaubt.


    Es sind nicht nur Traditionen. Dem westpolnischen Posener Gebiet etwa mit seiner langen preußischen Geschichte ist das backsteinerne Skelett überall deutlich anzusehen. Schulen, Fabriken, Bürgerhäuser, Bauernhöfe, Kasernen. Aber nicht nur die Nostalgie findet dort ihr Futter. Die alte Bindung an das nahe Berlin ist der natürliche Weg nach Westen angesichts einer Zukunft, die Europa heißt.


    Noch einmal: Warum erst jetzt? Vielleicht geht es erst jetzt. Es mag ja sein, daß ein paar Zampanos unserer Bewußtseinsindustrie alt werden und auch ein arger Wüterich wie Grass irgendwann einmal milde wird und sentimental. Das sind Nebengeräusche. Wichtiger ist: Der Gletscher namens Vertreibungstabu schmilzt rapide ab. Und die Deutschen haben keine Ansprüche mehr auf die Gebiete, von denen sie klammheimlich träumen. Sie dürfen träumen. Vom Morgenlicht über masurischen Seen und dem Himmel über Agnetendorf im Riesengebirge. Sie dürfen dort sogar einkaufen, verkaufen, investieren, und das tun sie auch. Sie sind frei.

  2. #2
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    Predefinito

    Dalmatino: vielen Dank für deinen Beitrag. Da du offensichtlich Deutsch verstehts, bin ich so frei und setzte die Kommunikation in meiner Muttersprache fort.
    Ich bin gerade zurück aus einer längeren Reise nach Deutschland. Es ist wieder ein Sozialist aufgetaucht, Franz Müntefehring, der es gewagt hat, die bisher "heilige Kuh" namens "Marktwirtschaft" zu schlachten. Ich gebe zu, es ist ihm nicht ganz gelungen: da die Landeswahlen in NRW in zwei Wochen stattfinden, lag der Verdacht nahe, dass es sich dabei um eine Propaganda-Boutade der SPD gehandelt habe. "Münte" ist sogar mir Eiern beworfen worden und musste von der Polizei in Schutz genommen werden. Wer waren die Eierwerfer? natürlich die "richtigen" SPD-Genossen, die der gespaltenen SPD noch immer nicht über den Weg trauen.
    Aber wichtig ist, dass in Deutschland über Sinn und Unsinn des Kapitalismus diskutiert wird, dass die Sache den Status eines Dogmas abgelegt hat, dass sich selbst Otto Normalverbraucher in die Diskussion einbringen kann.
    Von solchen Zuständen kann man in Italien nur träumen. Postenschieben geht vor Grundsatzdiskussion und so sitzt ein Arschloch nach dem anderen an der Spitze.

    Na swidenje! (oder wie man's richtig schreibt )

  3. #3
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    Predefinito Dresden - Ulrike Meinhof kommentiert!

    Aus www.kommunisten-online.de

    Dresden
    Von Ulrike M. Meinhof

    (konkret, Nr. 3, 1965)

    Vor zwanzig Jahren, am 13. und 14. Februar 1945, in der Nacht von Fastnachtdienstag auf Aschermittwoch, ist der größte Luftangriff der alliierten Bomberkommandos im Zweiten Weltkrieg auf eine deutsche Stadt geflogen worden: Der Angriff auf Dresden. Dreimal innerhalb von 14 Stunden wurde die Stadt bombardiert. Von 22 Uhr 13 bis 22 Uhr 21 dauerte der erste Schlag. Als die englischen Bomber abflogen, hinterließen sie ein Flammenmeer, das über 80 Kilometer weit den Himmel glühend machte. Der zweite Schlag erfolgte von 1 Uhr 30 bis 1Uhr 50. Die abfliegenden Bomber haben die Feuer von Dresden über 300 Kilometer weit beobachten können. Den dritten Angriff flog ein amerikanisches Bombengeschwader am nächsten Vormittag zwischen 12 Uhr 12 und 12 Uhr 23.

    Über 200 000 Menschen sind in den Flammen von Dresden umgekommen. Der Engländer David Irving schreibt in seinem Buch „Der Untergang Dresdens“: „Zum ersten Mal in der Geschichte des Krieges hatte ein Luftangriff ein Ziel so verheerend zerstört, daß es nicht genügen unverletzte Überlebende gab, um die Toten zu begraben.“ (siehe Anmerkung)

    Dresden hatte 630 000 ständige Einwohner. Als es zerstört wurde, hielten sich über eine Million Menschen in dieser Stadt auf. Man schätzt 1,2 bis 1,4 Millionen. Flüchtlinge aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen, Evakuierte aus Berlin und dem Rheinland, Kindertransporte, Kriegsgefangene und Fremdarbeiter. Dresden war eine Sammelstelle für genesende und verwundete Soldaten. Dresden hatte keine Rüstungsindustrie. Dresden war eine unverteidigte Stadt ohne Luftabwehr. Dresden galt in ganz Deutschland als eine Stadt, die nicht bombardiert werden würde. Es gab Gerüchte, wie: Die Engländer würden Dresden schonen, wenn Oxford nicht angegriffen würde - oder: Die Alliierten würden Dresden nach dem Krieg zur deutschen Hauptstadt machen und deshalb nicht zerstören. Es gab noch mehr Gerüchte, aber vor allem konnte sich kein Mensch vorstellen, daß eine Stadt, die täglich neue Krankenhäuser und Lazarette einrichtete, in die täglich Hunderttausende von Flüchtlingen, hauptsächlich Frauen und Kinder, einströmten, bombardiert werden würde.

    Militärisch interessant an Dresden war höchstens ein größerer Güter- und Truppenumschlagbahnhof. Aber in den drei Angriffen, als man zuerst Sprengbomben abwarf, um Fenster zum Platzen zu bringen und Dächer zum Einsturz, um Dachstühle und Wohnungen den folgenden Brandbomben um so schutzloser auszuliefern, als das alles planmäßig mit höchster Präzision ablief, da wurde dieser Bahnhof kaum getroffen. Als Tage darauf Berge von Toten aufgeschichtet wurden, waren die Gleise schon wieder repariert. - Dresden hat sieben Tage und acht Nächte lang gebrannt.

    Man hatte den englischen Soldaten, die die Angriffe geflogen haben, nicht die Wahrheit gesagt. Man hat gesagt: Ihre Flotte greift das Oberkommando des Heeres in Dresden an. Man hat gesagt, Dresden sei ein wichtiges Nachschubzentrum für die Ostfront. Man hat gesagt, das Angriffsziel sei ein Gestapo-Hauptquartier im Stadtzentrum, ein wichtiges Munitionswerk, ein großes Giftgaswerk. –

    Schon 1943 hatte es in der britischen Öffentlichkeit Proteste gegen die Bombardierung der deutschen Zivilbevölkerung gegeben. Der Bischof von Chichester, der Erzbischof von Canterbury, der Kirchenpräsident der Church of Scotland erhoben ihre Stimme. Ihnen aber ebenso wie einem Labourabgeordneten im englischen Unterhaus wurde gesagt, das sei nicht wahr, daß ein Befehl ergangen wäre, Wohngebiete statt Rüstungszentren zu zerstören. Es ist der englischen Regierung unter ihrem Premierminister Sir Winston Churchill bis zum Ende des Krieges, bis März 45, gelungen, den tatsächlichen, absichtlichen, planmäßigen Charakter der britischen Bombenangriffe auf deutsche Städte geheim zu halten. Dresden war der Höhepunkt dieser Politik. Dresden ging in Schutt und Asche, zwei Jahre nachdem der Ausgang des Zweiten Weltkrieges in Stalingrad entschieden worden war. Als Dresden bombardiert wurde, standen die sowjetischen Truppen schon an der Oder und Neiße, lag die Westfront am Rhein. Der Oberbefehlshaber der Royal Air Force, Sir Arthur Harris, der den Einsatz gegen Dresden geleitet hatte, ging ein Jahr danach, am 13. Februar 1946, in Southhampton an Bord, um das Land zu verlassen, das nicht mehr bereit war, seine Verdienste zu würdigen. Als die deutsche Bevölkerung die Wahrheit über Auschwitz erfuhr, erfuhr die englische Bevölkerung die Wahrheit über Dresden. Den Tätern wurde der Ruhm versagt, der ihnen von den Regierenden versprochen worden war. Hier und dort.

    In Dresden ist der Anti-Hitler-Krieg zu dem entartet, was man zu bekämpfen vorgab und wohl auch bekämpft hatte: Zu Barbarei und Unmenschlichkeit, für die es keine Rechtfertigung gibt.

    Wenn es eines Beweises bedürfte, daß es den gerechten Krieg nicht gibt - Dresden wäre der Beweis. Wenn es einen Beweises bedürfte, daß der Verteidigungsfall zwangsläufig zu Aggression entartet - Dresden wäre der Beweis. Wenn es einen Beweises bedürfte, daß die Völker von den kriegsführenden Regierungen selbst mißbraucht werden - Dresden wäre der Beweis. Daß an der Bahre Sir Winston Churchills das Stichwort Dresden nicht gefallen ist, legt den Verdacht nahe, Dresden sollte immer noch dem Volk angelastet werden, das doch selbst betrogen worden ist. Es ist der gleiche Takt, den die Bundesregierung praktiziert, wenn sie die Verjährungsfrist für in der NS-Zeit begangenen Mord nicht aufhebt. Wer die Täter nicht denunziert, denunziert aber die Völker.

    aus: Ulrike Marie Meinhof: Die Würde des Menschen ist antastbar. Aufsätze und Polemiken. Berlin: Wagenbach, 1986.

    * Die Autorin ist sicherlich nicht dem "rechten" Lager zuzuordnen. Ist es ein Zufall, dass diese Zeilen erst JETZT bekannt gegeben werden?

 

 

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