Michael Pittwald
Ernst Niekisch
Völkischer Sozialismus, nationale Revolution, deutsches Endimperium
Hochschulschrift; Broschur, 355 Seiten
EUR 20,50; SFR 34,90
ISBN 978-3-89438-231-5
Kurztext:
Der "Nationalrevolutionär" Ernst Niekisch hat für die gegenwärtige Neue Rechte orientierende Bedeutung und ist sowohl ideengeschichtlich als auch im Hinblick auf den aktuellen Neofaschismus von erheblichem Interesse. Mit seiner "Widerstandsideologie" versuchte er einen Brückenschlag zwischen Arbeiterbewegung und völkischem Denken rechtskonservativer und antidemokratischer Provenienz. Das Buch arbeitet sein Programm einer "nationalen Wiedergeburt Deutschlands" und seinen Antisemitismus und Rassismus heraus und charakterisiert seine Europakonzeption.
Rezension:
Terz (Düsseldorfer Stadtzeitung)
"Nationalrevolutionäre" tauchen in der gängigen Literatur über den Neofaschismus meist als Strömungen aus den Spätsechzigern, als NPD-Abspaltung oder Flügel der sog. Neuen Rechten auf. Verkannt wird dabei zumeist, dass die sog. nationalrevolutionäre Ideologie - eine apologetische Eigenbezeichnung eines spezifischen Flügels faschistischer Ideologie - höchst aktuell ist und zum ideologischen Repertoire des in sog. Kameradschaften organisierten militanten Neonazismus gehört, in dessen (zu ca. 90% allerdings aus primitivsten Theorieversatzstücken bestehenden) Medien jener Ansatz zur theoretischen Grundlage erhoben wird: Ein völkisch-nationaler "Sozialismus" in Anlehnung an die NS-Ideologie. Als der bekannteste historische Vertreter hierzu kann Ernst Niekisch angesehen werden. Michael Pittwald liefert in seiner ausführlichen Auseinandersetzung mit Niekisch ein solides Grundlagenwerk über den "Nationalrevolutionär" und dessen Auswirkungen auf neurechte Strömungen. Der Lebensweg und das politische Wirken von Niekisch wird detailliert und im Kontext der politischen Bewegungen beschrieben. Ein - selektiver! - Auszug aus dessen Biographie kann Linke ins höchste Staunen versetzen: In den Zwanzigern SPD-Mitglied, mitwirkend bei der Münchener Räterepublik, 1939 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, 1945 Übersiedelung in die Sowjetische Besatzungszone, KPD- und später SED-Mitgliedschaft, Eintritt in die VVN... ein waschechter Antifaschist? Die Abkehr Niekischs vom NSDAP-Kurs ab Mitte der Dreißiger und seine Inhaftierung im Nationalsozialismus wird in nationalrevolutionären Postillen der Nachkriegszeit angeführt, um dem Nationalrevolutionär eine antinazistische Gesinnung anzudichten - eine Wertung, der sich allerdings auch linke Organisationen und Persönlichkeiten anschlossen. Real jedoch - und das zeigt die Untersuchung material- und faktenreich auf - sah sich Niekisch in seinem fanatischen Blut- und Boden-Nationalismus und seinem Rassismus als radikalster Vertreter eines Nationalsozialismus "links" von der späteren NSDAP an. Umgesetzt wurde diese Ansicht in dem von ihm geführten nationalrevolutionären Organ "Widerstand. Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik" ab 1927 dargelegt. Mitwirkende Niekischs in jenem Organ waren u.a. Ernst Jünger, der frühere Funktionär des "Alldeutschen Verbandes" Gustav Sondermann sowie der Mörder von Walter Rathenau, Ernst von Salomon. Niekisch personifiziert demnach - dies wird unter ideologischen und politischen Prämissen kenntnisreich erläutert - das, was als "linke" Strömung des Faschismus bezeichnet werden kann. Zugleich demonstriert Niekischs politischer Werdensgang die unangenehme historische Tatsache, dass "nationalrevolutionäre" Personen wie auch Strömungen temporärer und selektiver Teil linker Bewegungen gewesen sind. Der Autor legt schlüssig dar, dass eine spezifische linke Affinität zu Nation und Nationalismus der Schlüssel zum Verständnis derartiger Entwicklungen ist; eine völkische Mystifizierung der Nation, die geistesgeschichtliche Tradition in Deutschland hat. Pittwald stellt dies exemplarisch an dem völkischen Denker Johann Gottlieb Fichte dar. Die Affirmation des völkischen Nationalismus durch die Linke wird dargestellt durch die Rekonstruktion nationalistischer Vorstellungen des Gründers der sozialdemokratischen Bewegung, Ferdinand Lassalle. Pittwald legt hierbei detailliert dar, wie sich der Nationalismus Lassalles in radikalisierter Form bei Niekisch fortsetzt: Zunächst in seinem Wirken bei den Jungsozialisten des Hofgeismarkreises und dann im Übergang zur völkischen Rechten. Niekisch - das muss beachtet werden - war jedoch zeitlebens ein Wanderer zwischen rechten und linken Organisationen: ein rechter "Linker" sowie ein "linker" Rechter, was ein bezeichnendes Licht wirft auf das Verhältnis der Linken zu Nation und Nationalismus. Pittwalds hervorragend ausgearbeitete Untersuchung hat somit nicht zuletzt auch einen höchst brisanten aktuellen Stellenwert. Die Untersuchung zeigt nämlich die politischen Folgen auf, einer linken Affirmation von Volk, Nation und "nationaler Befreiung" auf.
AL C. - terz. vom 26.04.2002